Der Wiedererkennungswert

Wenn ich fotografische Tipps geben soll, die über die üblichen hinausgehen, bemühe ich den „Wiedererkennungswert“. Auch wenn Sie als Reisefotograf in immer wieder unterschiedlichen Regionen verschiedene Motive zu allen erdenklichen Jahres- und Tageszeiten fotografieren, kommt dieser Aspekt zum Tragen – vielleicht tritt er sogar gerade dann erst deutlich hervor.

Was ich damit meine? Sie haben Ihre Kamera stets dabei und dokumentieren Land und Leute. Sind sie als Fotograf „bei sich angekommen“ (Entschuldigung, aber mir fällt gerade nichts anderes ein, um zu beschreiben, was ich meine.), werden Sie geradezu magisch angezogen von „Ihren“ Motiven und Lichtstimmungen sowie Ihrer individuellen und rein subjektiven Perspektive. So werden Sie womöglich immer wieder Menschen bei deren Tätigkeiten beobachten, etwa Fischer, Marktverkäufer, Handwerker, Bauern. Natürlich werden Sie auch andere Fotos machen, schließlich bieten sich Ihre Schwerpunkte nicht immer und überall an, außerdem wollen Sie den Daheimgebliebenen auch Landschaften und Architektur zeigen. Dennoch haben Sie Ihren Stil gefunden und werden ihn wann immer möglich umsetzen. Ja, auch weiterentwickeln und wahrscheinlich auch irgendwann damit brechen. Aber für eine gewissen Zeit wird es Ihr Stil sein, man wird Sie daran erkennen.

Alles außer …

Ich bin mit meiner Kamera im Wald unterwegs. Nicht ausschließlich, denn ich fotografiere auch im Kundenauftrag (So ziemlich alles außer Architektur, Autos, Tiere und Menschen und noch ein paar Sachen. Aber darüber hinaus … Na, Sie verstehen schon.), aber man könnte die Naturwaldfotografie als einen meiner künstlerischen Schwerpunkte bezeichnen. Schauen wir uns an, was und wie ich wie fotografiere, wird deutlich, was mein Stil ist:

  • Details sind mir wichtiger als das große Ganze. So gibt es von mir nur wenige Landschaftsbilder. Und wenn, dann sind sie bestenfalls durchschnittlich, eher uninspiriert und damit fast zwangsläufig banal. In diesem Bereich kann ich mit keinem ambitionierten Hobbyfotografen mit günstiger Consumer-Kamera mithalten. Wieder einmal gilt: Das Equipment allein macht keine Bilder.
  • Meine Bilder sind sehr reduziert, nicht selten minimalistisch. Ich konzentriere mich auf das Wesentliche, auf das, was andere übersehen. Dennoch fotografiere ich nur sehr selten Macro.
  • Ich möchte mit meinen Fotos Geschichten erzählen. Es gibt immer einen (Sub-) Kontext, nicht selten sogar mehrere in nur einem Bild.
  • Mein Anspruch ist, eine Stimmung zu transportieren. Gelingt mir das, macht ein Bild etwas mit Ihnen, dem Betrachter. Vielleicht löst es eine (hoffentlich positive) Erinnerung aus. Oder weckt Sehnsucht. Regt zum Nachdenken an. Inspiriert und motiviert. Selbst dann, wenn es Ihnen „einfach nur“ gefällt, habe ich etwas richtig gemacht.
  • Meine Bilder sind meist sehr dunkel. Das resultiert daraus, dass ich nach etwas suche, was für mich essenziell ist: Licht.
  • Helligkeit weckt Aufmerksamkeit. Immer. Bei mir als Fotografin und bei Ihnen, wenn Sie ein Bild von mir betrachten. Sie werden oft einen Lichteffekt sehen, der von einem einzigen Sonnenstrahl stammt. Ich wandere zur jeweils zur Jahreszeit passenden Uhrzeit durch den Wald und halte Ausschau nach diesem einen Motiv, das in diesem einen Moment von diesem einen Licht getroffen wird. Der Hintergrund muss natürlich dunkel sein, das Blatt, der Farn, der Stamm, das Moos, der Pilz muss frei sein. Ich reiße nichts aus, knicke nichts um, räume nichts zur Seite. Es ist, wie es ist. Passt alles, entstehen Bilder wie dieses:

Und dann? Was mache ich mit diesem Foto? Wie entwickle, wie bearbeite ich es? Das habe ich unter anderem hier erklärt. Fakt ist, was nicht da ist, ist nicht da. Basta. Was da ist und stört, darf unter Umständen entfernt werden, dabei gilt es jedoch, nicht zu manipulieren, sondern das Motiv zu unterstützen. Ich retuschiere keine größeren Objekte weg, bestenfalls ein paar herausstechende Punkte und helle Flecken im Hintergrund. Blickfänger eben, die ablenken.

Dass das Bild so dunkel ist, ist der Unterbelichtung geschuldet, die ich extrem betreibe. Hier sind es, wie meist, zwei Blenden. Der Rest ist banal: Meist arbeite ich mit starker Vignette. Daneben mit Tiefen und Höhen, Weiß- und Schwarzpunkt. Dodge & Burn gehört fast immer dazu, wenn ich ein Bild bearbeite. Der Kamerasensor sieht nun einmal nicht, was ich gesehen habe, und er bügelt Kontraste glatt. Dennoch mache ich meine Fotos mehr oder weniger mit der Kamera vor Ort fertig. Eine Stunde in Photoshop retten zu versuchen, was nicht zu retten ist, weil es einfach keine Basis hat, ist verschwendete Zeit. Was als RAW nichts hergibt, wandert in den Papierkorb. Ausnahmslos.

Zeigen, was ist.

Doch wir waren beim Wiedererkennungswert. Noch ein Beispiel für meinen ganz eigenen Stil? Fällt Ihnen an dem folgenden Bild etwas auf? Nein? Schauen Sie genau hin! Der Stamm gehört einer Fichte, das Motiv ist eine Buche. Hier habe ich mit einem Protagonisten und einem Antagonisten gearbeitet, ganz so, wie man es als Romanautor macht.

Ich fand diesen Kontext spannend, vor allem, wenn man weiß, dass Buchen Fichten auf Dauer „besiegen“ – wenn man sie lässt. Mich freut das, denn Buchen gehören zu Mitteleuropa, die weit verbreiteten, in Monokulturen ausschließlich zu wirtschaftlichen Zwecken gepflanzten Fichten hingegen nicht beziehungsweise nur in wenigen Regionen. Da nämlich, wo sie den ihnen passenden Boden finden.

Sie erlauben mir wieder einmal die spitze Bemerkung, dass der Schwarzwald kein Wald ist und absolut nichts mit echter Natur zu tun hat? Er ist eine Plantage, eine menschengemachte Brutstätte für Borkenkäfer, die geschaffen wurde, weil man vorher alle Laubwälder unwiederbringlich abgeholzt hatte. Das „Naturschutzgebiet Schwarzwald“ ist reines Marketing, sonst nichts. – Sie glauben mir nicht? Bitte schön:

Ursprünglich war der Schwarzwald ein Mischwald aus Laubbaumarten und Tannen – siehe Geschichte des Waldes in Mitteleuropa. In den Höhenlagen wuchsen auch Fichtenbestände. Mitte des 19. Jahrhunderts war der Schwarzwald durch die intensive Nutzung fast vollständig entwaldet und wurde danach überwiegend mit Fichtenmonokulturen wieder aufgeforstet.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Schwarzwald
Zufälle gibt es. Aber selten.

Zurück zum Thema. Hier habe ich noch ein Bild, das typisch ist für mich. Doch dazu erlauben Sie mir bitte ein paar Vorbemerkungen. Auf dieses Bild habe ich lang gewartet. Es konnte nur im ausklingenden Winter mit flach stehender Sonne gemacht werden. Es durfte nicht zu kalt sein, sonst hätten weder das Licht gepasst noch wären die Äste warm genug gewesen, um so „lässig“ herabzuhängen. Im Hintergrund mussten dunkle Bäume stehen (es waren Tannen), der Vordergrund musste frei sein. Die Tageszeit spielte eine wichtige Rolle, genauer: Es kam auf die Minute an. In dieser einen nämlich kam die Sonne um die Ecke und beleuchtete die Lärche. Sehr kurze Zeit später war der Moment vergangen und alles Magische war verschwunden. Es blieb eine grau-grüne amorphe Masse, in der die Lärche einfach unterging.

Die Bearbeitung? Einfach. Normale RAW-Entwicklung, danach die Tiefen stark runter, die Lichter höher, ein paar störende Punkte im Hintergrund entfernt. Fertig. Der Aufwand, den dieses Bild ausmacht, bestand im Fotografieren, nicht im Bearbeiten. Fotos wie dieses sind kein Zufall.

Wer suchet, der findet.

Verstehen Sie, was ich meine? Ich habe einen Stil gefunden, der zu mir passt, an dem man mich erkennt. Ich nehme Natur kaum anders wahr, als kontrastreich und in starken Farben. Das bedeutet nicht, dass ich nicht auch ganz andere Bilder mache, etwa bei Nebel. Doch auch die sind letztlich nicht viel anders. Statt dunkel sind sie dann eben sehr hell, etwa wenn ich bei Schneesturm fotografiere. Meine Interpretation von Natur gefällt mit Sicherheit nicht jedem, doch ungewöhnlich ist sie, das ist mir klar.

Und Sie? Haben Sie Ihren Stil gefunden? Gibt es eine Besonderheit, die Sie fotografisch begleitet?


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