Ist Wald wirklich Wald?

Mein fotografisches Interesse gilt Naturwäldern. Alten, sich selbst überlassenen, gesunden, hunderte und tausende Jahre alte Waldlandschaften, wie es sie leider kaum noch gibt. Die wenigen, teils nur noch Fragmente, die wir in Europa noch finden können, sind in akuter Gefahr.

Man versucht hier und da, die Fehler, die unsere Ahnen gemacht haben, wieder gut zu machen, indem man Naturschutzgebiete und Naturwälder ausweist und schützt. Der Erfolg ist bescheiden, da wirtschaftliche Interessen dem entgegenstehen. Man kann es objektiv ein Verbrechen nennen, die an den wenigen noch existierenden alten Wäldern begangen werden, indem man in Polen, Rumänien und Bulgarien hunderte Jahre alte Buchen und Eichen fällt, um Möbelholz zu gewinnen, das teuer nach Deutschland verkauft wird. Von den russischen Kiefernwäldern, die zermahlen und pelletiert als billiges Heizmaterial zu uns  kommen, rede ich erst gar nicht.

Novembernebel über sich regenerierender Landschaft.

Die Täter? Alle, die dieses widerrechtlich geschlagene Holz kaufen. Konzerne, die nicht hinterfragen, mehr noch, wissentlich und willentlich gegen Gesetze verstoßen. Den armen Menschen vor Ort, die damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen gezwungen sind, mache ich keinen Vorwurf, denn sie wissen zwar, was sie tun – und haben doch keine Wahl, wenn sie ihre Familien ernähren wollen.

Ich lese immer wieder Berichte, wonach Aufforstungen in bisher nie da gewesenem Ausmaß betrieben werden. Das wird uns als Erfolg verkauft. Doch was wird da eigentlich gemacht? Werfen wir einen Blick in die Vergangenheit und auf den Schwarzwald. Ist das Wald? Definitiv nicht. Es handelt sich um eine dieser Aufforstungen mit schnell wachsenden und wirtschaftlich interessanten Fichten. Es sind Plantagen und Monokulturen, romantisch als Forsten und Hölzer bezeichnet. In Europa sind nicht Fichten, sondern Buchen die heimischen Bäume, die, die einst hunderte Quadratkilometer beschattet hatten. Doch die hatte man gerodet. Fast alle. Unwiederbringlich wurden riesige Waldgebiete – tausende Jahre alte Urwälder – zerstört und ersetzt gegen ökologisch relativ wertloses Brenn- und Bauholz.

Ursprünglich war der Schwarzwald ein Mischwald aus Laubbaumarten und Tannen – siehe Geschichte des Waldes in Mitteleuropa. In den Höhenlagen wuchsen auch Fichtenbestände. Mitte des 19. Jahrhunderts war der Schwarzwald durch die intensive Nutzung fast vollständig entwaldet und wurde danach überwiegend mit Fichtenmonokulturen wieder aufgeforstet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzwald

Es gibt mehrere solcher Beispiele. Aber es gibt auch Wälder, die man heute noch fast so erleben kann wie vor hundert Jahren. Weil man verstanden hatte, dass sie aus vielerlei Gründen schützenswert sind. Ein kleiner aber feiner Buchenwald findet sich auf Rügen: der Jasmund. Auch in Thüringen hat man seinen ursprünglichen Wald Wald sein lassen; er ist unter dem Namen Hainich bekannt. Der Kellerwald in Hessen lockt Waldliebhaber ebenso an wie der Bergwald bei Berchtesgaden. Im Bayerischen Wald und angrenzenden Böhmerwald wurde nach massivem Kahlschlag eingesehen, dass Natur durchaus in der Lage ist, sich selbst zu helfen – auch wenn Borkenkäfer sich an den Bäumen zu schaffen machen.

Ein Morgen im November im Buchenwald.

Mein fotografisches Interesse als Naturfotografin sind die noch verbliebenen ursprünglichen Laubwälder Europas. Sie bedecken Teile Polens, Tschechiens, Rumäniens und Bulgariens – und ein paar Quadratkilometer Deutschlands. Aber auch Kiefernwälder sind durchaus spannend, vor allem im Winter. Sie sind dort zu finden, wo der Boden karg und das Klima rauher als bei uns ist: in Finnland und Russland. Aber auch in einigen Regionen Deutschlands findet man kleinere, stark abgegrenzte Gebiete, etwa am Darß an der Ostsee. Ich will sie besuchen, erleben, fotografieren, so lange es sie noch gibt. Alle? Ja. Alle.


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