Was ist eigentlich Front- bzw. Backfocus?

Heute habe ich in einem Anfall von Wehmut mein 27 Jahre altes Nikon 80-200 f2,8 ED (das Schiebezoom, natürlich ohne Stabilisator) rausgekramt und bin damit in den Garten der Nachbarin eingedrungen. Nein, ich wollte der armen Frau kein Leid antun, ich hatte einen sehr subjektiven Test im Sinn. Ich wollte wissen, ob ich meine vollformatige Nikon D750 und eben diesen gusseisernen Knüppel so ruhig halten kann, dass ich lässig behaupten kann, dass Stabilisatoren eher Luxus als Notwendigkeit sind. Gut, dass ich meine provokanten Thesen immer vorab teste …

So schoss ich mich also quer durchs Beet, stellte Schmetterlingen und Käfern nach, sogar der Hund der Nachbarin musste daran glauben. Bei der Gelegenheit stellte ich fest, dass der Autofokus auch im Vergleich mit heutigen Objektiven noch relativ flott ist. Kein Pumpen, kein Suchen. Und dann sah ich diese Rose. Schon leicht über den Zenit, dabei noch immer wunderschön. Die wollte ich haben, die wollte ich verschenken! Ich ließ also den Fokuspunkt dorthin wandern, wo er die perfekte Schärfe erzielen würde, legte die Arme an, atmete aus, hielt die Luft an, ließ den Autofokus seine Arbeit tun und drückte ab. Kurzer Blick aufs Display. Perfekt!

Vielleicht starren Sie jetzt auf die Blüte und denken daran, dass Sie mal wieder beim Optiker vorbeischauen sollten. Bleiben Sie sitzen. Lesen Sie weiter. Denn natürlich ist die Blüte alles andere als scharf. Warum? Was ist passiert? Habe ich gewackelt? Nein. Auch die Rose hat brav stillgehalten. Der Autofokus löst auf Schärfepriorität aus, also kann hier der Fehler auch nicht liegen. Die Schärfe ist da, ziemlich knackig sogar. Nur: wo?

Der Fokuspunkt saß da, wo ich im obigen Foto das Kreuz eingezeichnet habe. Die Schärfe aber befindet sich ganz woanders. Hier nämlich:

Und ein bisschen was von Schärfe findet sich auch an den Stellen, die ich hier markiert habe:

Das ist nicht gut. Die Blüte ist mein Motiv und ein Motiv darf nicht verwaschen rüberkommen. Vielleicht im Hintergrund verschwimmen, aber nicht in der Mitte aussehen, als fehlten ihm ein, zwei Dioptrien.

Die Erklärung und mögliche Lösungen

Das Problem nennt sich Fehlfokussierung. Konkreter: Backfocus und Frontfocus, je nachdem, wohin sich die Schärfe vom Fokuspunkt entfernt. In diesem Fall ist sie um deutlich mehr als einen Zentimeter nach vorn, also zur Kamera hin verschoben. Okay. Nicht gut. Und was bedeutet das? Was kann man dagegen tun?

  1. Der erste Schritt sollte sein, den Sachverhalt zu bestätigen, also weitere Testaufnahmen unter kontrollierten Bedingungen zu machen. Dafür stellt man die Kamera in einem hellen Raum auf ein Stativ und visiert aus einem Winkel von 45 Grad und aus geringstmöglicher Entfernung ein Lineal, Karopapier oder etwas ähnliches an, das sich als Maßeinheit eignet. Beim Fotonerd Traumflieger gibt’s eine Vorlage und sogar eine Luxusvariante zum Downloaden und Basteln. Bei der stehenden Skala wählt man eine waagerechte Ausrichtung, sollte aber das Papier gut fixieren. Ich finde die liegende Anordnung besser.
  2. Dann fokussiert man manuell auf einen festgelegten Punkt, am Besten verwendet man den Liveview in der 100%-Ansicht. Selbstauslöser mit mindestens fünf Sekunden Vorlauf oder ein Fernauslöser machen das Ergebnis seriöser weil verwackelungsfrei.
  3. Als Einstellung wählt man die offenste Blende, also die geringste Zahl. Die Zeit kann man die Kamera wählen lassen, sie spielt keine Rolle, wenn die Kamera absolut ruhig steht. Die ISO sollte gering sein, also nicht mehr als 200, damit kein Rauschen das Ergebnis verfälscht.
  4. Was auf dem Kameradisplay vielleicht noch recht gut aussieht, wird am Computer womöglich Staunen hervorrufen – wie es auch mir passierte, als ich die Rose entwickelte. (Mit dem iPad und Lightroom Mobile übrigens.)
  5. Man (RAW-) entwickelt nun das Foto und prüft bei einer mindestens 50-prozentigen Ansicht die Schärfe mit dem fokussierten Punkt – voilà, wir haben eine objektive (haha!) Laboruntersuchung.
  6. Kleinere Abweichungen kann man in hochwertigen Kameras für jedes Objektiv einzeln sehr fein nachjustieren, sogenannte Consumerkameras bieten dieses Feature dagegen nicht an.
  7. Hat man ein teures Objektiv, sollte man sich informieren, ob es ein Dock gibt, mit dem man selbst aktiv werden kann. Sigma und Tamron beispielsweise haben sowas zu erschwinglichen Preisen. Ob man sich zutraut, sein edles Objektiv selbst zu justieren, muss man selbst entscheiden. Wenn man’s verbockt und für alle anderen gilt:
  8. Ab zum Hersteller mit der Kamera und dem Objektiv und die beiden aufeinander einstellen lassen. Paartherapie sozusagen. Das funktioniert bei meinem Rentner leider nicht mehr, dafür ist er einfach zu antiquiert. Moderne Objektive, sofern sie nicht allzu billig waren, kann man aber in der Regel problemlos justieren (lassen).

So. Mein gutes altes Nikon-Tele darf trotz seiner Macken und Gebrechen weiterleben. Als Erinnerungsstück und als eiserne Reserve bei Notfällen. Nun weiß ich ja, dass ich einen guten Zentimeter weiter hinten fokussieren muss.


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