Sind Sie eine(r) wie alle?

Wer tolle Fotos machen will, muss dorthin, wo tolle Motive zu finden sind. Soweit bin ich einverstanden. Doch wo sind tolle Motive zu finden? Klar, dort, wo jedes Jahr tausende Fotografen die gleichen Fotos bereits millionenfach gemacht haben. Drängen Sie sich ruhig mit ihrem Stativ zwischen all die Gleichgesinnten, wenn am Canal Grande die Sonne untergeht, denn Ihr Foto wird das sein, auf das die Welt gewartet hat!

Das Bild oben kennen Sie, stimmt’s? Auch wenn Sie niemals da waren. Weil es das Foto ist, dass gemacht werden muss, wenn man in Venedig ist. Warum? Nun … weil eben!

Das Normale ist langweilig. Sind Sie langweilig?

Wenn das Foto, das Sie machen, nicht anders ist das aller anderen – warum machen Sie’s dann? Um beweisen zu können, dass Sie das auch drauf haben, nicht nur alle anderen? Na toll. Sie wollen also sein wie alle anderen. Normal. Langweilig. Das Foto oben ist ich weiß nicht wie oft im Internet zu finden. Und in Reiseführern, Magazinen, Prospekten und und und. Der einzige Grund, warum ich weiß, dass ich dieses Foto gemacht habe, ist der, dass es auf meiner Festplatte liegt.

Für mich war dieses Foto ein Schnappschuss. Ich habe weder ein Stativ benutzt noch mehr Zeit als zwei, drei Sekunden aufgewendet. Was man im Bild nicht sieht? Menschen. Sehr viele Menschen. Laute Menschen. Fotografierende Menschen. Drängelnde Menschen, die mit Selfiesticks auf dem Geländer herumturnten. Warum die nicht zu sehen sind? Weil ich größer bin als die meisten Japaner. Dieses Foto stellt keine schöne Erinnerung dar, sondern eine Mahnung für mich, dass selbst der Februar nicht geeignet ist, um die Seele Venedigs finden zu können. (Moment! Stimmt nicht. Man muss nur wissen, wann und wo Venedig seine Seele zeigt.) Ich werde wohl mal im November wiederkommen, dann nämlich, wenn es neblig, kalt und grau ist.

“Pay attention to the details. They tell the story.”

Warum ich das Foto überhaupt gemacht habe? Weil ich bereits im Hinterkopf hatte, dass ich es eines Tages für einen bestimmten Zweck verwenden möchte – und diesen Zweck habe ich heute gefunden. Ich will sie damit provozieren. (Ich nehme an, es ist mir mit meinen einleitenden Worten gelungen.) Ich will Ihnen etwas beweisen. Und ich will, dass Sie fotografisch besser werden. Kreativer. Faszinierender. Unnormaler.

Der Satz im Zwischentitel steht auf meiner Webseite und ist mein fotografisches Motto. Je länger ich fotografiere, desto mehr bestätigt er sich. Schauen Sie doch mal die drei Bilder unten an. Sie wissen ohne zu überlegen, wo sie aufgenommen wurden, auch wenn ich es Ihnen nicht erzähle. Sie hätten es auch gewusst, wenn ich keinerlei Kontext dazu geliefert hätte. Erstaunlich, dass das menschliche Gehirn Fehlendes schneller ergänzen kann, als wir uns das bewusst machen, gell?

Ich bin ein erklärter Fan des fotografischen Minimalismus, den ich bin der Überzeugung, dass wir Menschen mehr Fantasie haben, als wir – nun ja, denken. Natürlich kann man Minimalismus viel weiter treiben. So zum Beispiel:

Doch im Gegensatz zu den Venedig-Bildern erzählen diese Bilder keine Geschichten mehr. Wir Fotografen müssen also entscheiden, ob uns das Abstrakte eines Motivs reizt oder ob wir Geschichten erzählen wollen. Beides hat seine Berechtigung, beides hat seine Qualität. Doch ein Aspekt bleibt immer: Wir entscheiden, wie wir ein Motiv erfassen und zeigen. Keine Perspektive, kein Ausschnitt ist grundsätzlich besser oder schlechter. Natürlich gilt es die Regeln der darstellenden Kunst zu kennen, doch innerhalb dieser Regeln sind wir frei, unsere Kreativität auszuleben.

Auf der Suche nach dem einen Bild werden wir zu besseren Fotografen.

Es gibt immer ein Bild, das interessanter ist als alle anderen. Dieses eine – und nur dieses eine! – sollten wir machen. Ein Mal im Leben genügt.


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