Fototipp: Der Perspektivwechsel

Beherrschen Sie eigentlich den Kopfstand? Ich konnte ihn nie, ob mit stabilisierender Wand und Kissen unter der Schädeldecke oder ohne. Schade, denn ich habe gehört, es soll sich lohnen, allein der interessanten Perspektive wegen auf – nun ja, nicht die Welt, aber auf das Zimmer. Ist immerhin ein Anfang. Apropos Kopfstand: Wie man ihn bei der Bearbeitung von Fotos einsetzen kann, habe ich unlängst beschrieben.

Händchen halten mit sich selbst

Fotografen nutzen eine Reihe von Perspektivwechseln, um Motive und Bilder zu beurteilen. Ich habe schon seit vielen Jahren niemanden mehr mit zueinander verdrehten Händen mit abgespreizten Daumen vor dem Gesicht gesehen, um einen Ausschnitt zu simulieren. Das ist schade, denn so doof man dabei aussieht, so einfach und so billig ist dieses “Tool”. Wer behauptet, er könne alles frei Auge, sei in der Lage, alles Störende auszublenden, ist entweder ein Genie, ein Dilettant oder ein Lügner. (99 Prozent werden sich als Genies bezeichnen, ich natürlich auch.) Ja, es gibt Liveview in fast jeder Kamera, bei Smartphones und Pointandclick-Fotoapparaten gibt’s eh nichts anderes. Aber dann habe ich das Gerät schon gezückt, eingeschaltet, die App gewählt … Sie verstehen, worauf ich hinaus will? Probieren Sie’s doch einfach mal!

Zoomen bis die Füße schmerzen

Zoomen ist toll. Man steht gemütlich auf einem Fleck und dreht so lang am Objektivring bis das Motiv freigestellt von allem Störenden ist. Manche Kameras bieten sogar die Möglichkeit, ein Bildformat einzustellen, um selbst in diesem Punkt kein Risiko mehr einzugehen beziehungsweise keine Nachbearbeitung mehr machen zu müssen. (Zum Thema Bildbearbeitung habe ich noch mehrere Beiträge auf meiner Todo-Liste.) Hat man ein Teleobjektiv, kann man auch noch mit Schärfentiefe/Tiefenschärfe spielen, indem man die Blende so weit öffnet, bis alles außer dem Motiv fluffig oder kringelig ist und man sicher sein kann, bei Instagram ein “Nice Bokeh!” als Kommentar zu erhalten.

Ich zoome selten. Entweder ich arbeite im höheren Tele-Bereich (300-400mm) oder ich habe mein rasiermesserscharfes Sigma Art 24-120mm f4 montiert und fotografiere weitwinkelig. Sehr gern bin ich mit mindestens 50 Jahre altem “Altglas” unterwegs, vor allem im Frühling, wenn blühende Wiesen für wunderbares Bokeh sorgen. (Ja, auch ich liebe es!) Da ist nichts mit Zoomen, da gibt’s keine automatische Belichtungsmessung und schon gar kein Autofokus. Es gilt also, manuell zu arbeiten. Mit dem Kopf, mit den Händen, mit den Füßen. Das dauert seine Zeit, da kommt man auf Kilometer – und erlebt, dass Kreativität nichts mit Technik zu tun hat. Nicht immer, aber öfter mal ist es ratsam, sich in die Zeit zurückzuversetzen, in der man nur 35mm oder 50mm und eine vollmanuelle Kamera mit 24 oder 36 Bildern zur Verfügung hatte.

In Ulm und um Ulm und um Ulm herum

Keine Ahnung, wieso mir dieser sonderbare Spruch gerade einfällt, aber er passt gut zum Thema. Nehmen wir an, Sie haben einen Baum gesehen, der Ihnen als Motiv “Freistehende Eiche” perfekt geeignet erscheint. Sie zücken die Kamera, zoomen, fokussieren, drücken ab. Entweder ist damit das Bild fertig oder Sie entwickeln und bearbeiten es anschließend in einem Programm Ihrer Wahl. – Und stellen fest, dass entweder etwas im oder der ganze Hintergrund stört, so sehr, dass das Foto für die Tonne ist. “Vordergrund macht Bild gesund” gilt eben auch für Hintergründe.

Alleinstehende Bäume auf Hügeln sind immer ein schönes Motiv. Wichtig ist es, keinen oder einen passenden Hintergrund zu haben. Manchmal hilft schon, in die Knie zu gehen.

Sind Sie Photoshop-Profi, können Sie unter Umständen mit diversen Tools das Störende entfernen oder gleich den ganzen Hintergrund austauschen. Das ist je nach Motiv mehr oder weniger aufwändig. Ich bin ehrlich: Ich mag sowas nicht. Aus fotoethischen Gründen nicht und weil ich zu faul dazu bin. Deshalb biete ich Ihnen eine Alternative an.

Wie beim Zoomen bewege ich meine Füße statt der Kamera. Will sagen, ich gehe um mein Motiv herum. Meist sieht man mit etwas Übung schnell, wo der geeignete Standort für das Foto sein könnte. Lassen Sie sich aber nicht unbedingt vom Bauern erwischen, wenn Sie auf seinen Feldern herumstapfen! Und wenn, dann erzählen Sie ihm entweder, sie seien berühmt und gerade dabei, das Foto zu machen, das den Titel der nächsten XY zieren wird, oder Sie entschuldigen sich. Einem, der tobsüchtig auf mich losgegangen ist, weil ich in seiner Wiese herumgelaufen bin, habe ich höflich 10 Euro für den Schaden angeboten, nicht ohne deutlich aber wortlos auf die deutlichen Traktorspuren zu schauen, die er hinterlassen hat. Er stutzte, zog von dannen und grummelte etwas von “Wenn das jeder machen würde …” Damit hat er natürlich recht. Andererseits macht es eben nicht jeder. Ich bin Freundin einiger Landwirte und weiß durchaus, was vertretbar ist und was nicht. Wiese ist okay, frisch sprießendes Getreidefeld nicht. Traktorspuren im Getreidefeld zu folgen ist okay, Ären abknicken nicht. Eigentlich ist das so logisch wie es rücksichtsvolles Verhalten in der Natur grundsätzlich sein sollte.

Format zeigen: Die Qual der Wahl

2:3, 4:5, 3:4, 5:7, 16:9 … – oder doch ganz anders? Normen müssen sein, wenn man Fotos verkaufen will. Allen anderen kann es egal sein, zumindest dann, wenn sie auf Konventionen und Drittelregeln nichts geben. Trotzdem gilt es, sich zu überlegen, welches Format zum Bild passt. Hochformat und eng beschnitten? Oder besser Querformat mit viel Freiraum? Drückt ein Panorama zu sehr aufs Motiv? Schneidet 4:5 zu viel ab? Hat man die oben erwähnte „in camera“-Möglichkeit nicht, muss man beim Fotografieren planen. Helfen können hier wieder die Hände oder eine Schablone. Nein, die muss man nicht teuer kaufen, die kann man selbst basteln! (Wie übrigens auch den genialen Bohnensack in verschiedenen Größen, den ich allerdings mit leichten Styroporkügelchen gefüllt habe.)

Hätte ich dieses Bild knapper beschnitten, käme die Nebelstimmung nicht zur Geltung. Mittels Leerraum macht man in der Fotografie (und Malerei) Weite und Einsamkeit sichtbar.

Für heute soll’s das gewesen sein. Bald gibt es neue Beiträge dieser Kategorie, in der Regel bunt gemischt, wie sie mir in den Sinn kommen. Doch wie immer nehme ich gern Anregungen und Wünsche auf. Schreiben Sie mir eine Mail oder folgen Sie mir bei Twitter oder Instagram. Ich freue mich!


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2 Antworten zu “Fototipp: Der Perspektivwechsel”

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