Es gibt kein „Waldsterben 2.0“

Ich bin häufig unterwegs in Deutschlands Wäldern (Eigentlich in den europäischen Wäldern, aber Corona macht auch mir seit vielen Monaten einen dicken Strich durch meine Pläne.) und sehe vieles, das mich zum Nachdenken bringt. Ich höre Fachleuten und Interessenvertretern zu, lese Wissenschaftliches und Populäres, von der Forstwirtschaft Publiziertes und von Naturschutzverbänden Verfasstes. Kurz, ich mache mir ein Bild von Wald und Forst. Und schon bin ich wieder beim meinem Lieblingsthema: Was ist der Unterschied zwischen Wald und Forst? Worum geht es wirklich, wenn vom „Waldsterben 2.0“ die Rede ist? Ich werfe meinen Hut in den Ring, wissend, dass ich ihn von fast allen um die Ohren geschlagen bekomme, die Forstwirtschaft betreiben:

Der Wald stirbt nicht, er verändert sich

Nein, ich leugne nicht den Klimawandel. Er ist unleugbar, er ist Fakt und er bedroht weniger die Erde als mehr uns Menschen. Die Natur zeigt bereits unserer Generation deutlich die Fehler auf, die während der relativ kurzen Zeitspanne seit der industriellen Revolution gemacht wurden. Unsere Vorfahren müssen gewusst haben, was sie tun, wenn sie Kohle verbrennen, Flüsse begradigen, die Natur ausbeuten und Wälder abholzen. Sie waren schließlich mit Sinnen ausgestattet, die sie sehen, hören, schmecken und riechen ließen – und flüchten, wenn das Hochwasser kam oder Stürme Bäume entwurzelten. Bereits sie litten extrem unter Krankheiten, die auf Umweltverschmutzung zurückzuführen waren. Gelernt haben die nachfolgenden Generationen daraus durchaus, das haben sie auch bewiesen. Nur waren die Schlüsse und Konsequenzen, die sie aus ihren Beobachtungen zogen, zu zögerlich. Klar, schließlich ging es um Luxus, um Wirtschaftswachstum, um ein gutes Leben.

Die Folgen sind deutlich erkennbar, auch von Laien abschätzbar und vor allem unumkehrbar. Die Natur verändert(e) sich. Aus den riesigen Wäldern, die einst Deutschland und Europa überzogen, wurden monokulturelle Äcker, Futterwiesen oder bewohnte Gebiete. Die pittoreske Felsenlandschaft Schottlands war übrigens einmal Wald. Man hat selbst den allerletzten Baum geschlagen, man stelle sich das nur vor! Und der Schwarzwald, der doch so viel grün eingefärbten Platz auf der Landkarte einnimmt? Eine Fichtenplantage, die angelegt wurde – werden musste! – weil sich der Holzbedarf so gnadenlos an Laubwäldern gestillt worden war, dass kaum noch welche übrig waren. Und ein Fichtenforst ist billig zu pflanzen und wächst schnell …

Die Natur hat fast endlos viel Zeit

Gestorben ist in all den Jahrzehnten und Jahrhunderten eigentlich nichts außer dort, wo verdichtet und zubetoniert wurde. Und selbst da arbeitet sich die Natur in Windeseile wieder voran, wenn der Mensch nicht mehr am Unkraut zupft. Ich fotografiere gern mit alten Analog-Kameras Lost Places, da staune ich immer wieder, wie Wälder quasi aus Beton entstehen. Auch Wasser tut, was es nun einmal tut: Es bahnt sich seinen Weg. Wenn der Mensch diesen Weg beschneidet und kanalisiert, sucht es sich einen neuen. Schmilzt in Arktis oder Antarktis das Eis, steigt der Meeresspiegel. Das ist so logisch wie mittlerweile unausweichlich. Roden wir Sträucher, die zwischen Feldern wachsen, trocknet die Erde aus und fliegt schneller davon als die (mitfliegenden) Saaten aufgehen und zu Getreide werden können. Regnet es mal stärker oder länger, werden wir den Wassermassen nicht mehr Herr.

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Es sind viele kleine Versäumnisse und eine große Gier, die unsere eigenen Lebensräume bis zur Unbewohnbarkeit verändert. Nicht verändern könnte, sondern wird! Wer im Endeffekt leidet, ist der Mensch. Und ehrlich, das ist richtig so. Die Natur kann nichts dafür. Sie schlägt nicht zurück, die vernichtet uns nicht, sie plant nicht. Sie ist einfach da. Und sie passt sich an Gegebenheiten an. Nicht von heute auf morgen, sondern im Laufe von Jahren und Jahrzehnten, von Jahrhunderten und Jahrtausenden. Was wir also als erschreckend und katastrophal wahrnehmen, ist schlicht die Folge von etwas, das vor langer Zeit stattgefunden hat – und was nicht selten wir Menschen beschleunigt oder eingeleitet haben. Nicht Vulkane und Meteoriten werden die nächste Spezies zum Aussterben bringen, sondern diese Spezies wird sich selbst vernichten.

Der Mensch greift ein – und macht neue Fehler

Wir Menschen können nicht untätig bleiben; Geduld ist nicht so unser Ding. Also nehmen wir Einfluss auf das, was wir als Störung unserer Pläne wahrnehmen. Wir lassen die Natur nicht sich selbst helfen, denn das dauert uns zu lang. Wälder kämpfen um ihr Leben, weil sich das Klima verändert (hat)? Wir rennen kopflos mit Sägen und Beilen hinaus, roden noch lebende Bäume und pflanzen neue, von denen wir hoffen, dass sie sich besser mit den neuen Gegebenheiten arrangieren können. Douglasien statt Fichten, Ginkgo statt Buchen. Warum? Weil … nun ja, weil … keine Ahnung. Die Eiche würde sich eigentlich recht gut machen als Wald, sagen Fachleute. Doch da ist ja dieser Eichenprozessionsspinner, der sie und uns gefährdet. Irgendwas ist ja immer.

Ich bleibe dabei: Wir Menschen sollten uns raushalten. Es ist an allen Orten, die sich selbst überlassen bleiben, erkennbar, dass echte Natur zwar nicht weniger unter Hitze, Sonne, Trockenheit und Schädlingen (Was, so fragt man sich als Naturkenner, sind eigentlich Schädlinge?) leidet, sich aber deutlich schneller regeneriert oder bereits mittelfristig anpasst. Was keine Zukunft mehr hat, wird zurückgedrängt, dafür rückt nach, was sich wohler fühlt. Dabei wird nicht etwa gestorben, sondern meist einfach nur gewartet.

Das ist wissenschaftlich mittels genetischer Tests überprüfbar, wie ich im Urwald von Bialowieza von Biologen lernte. Viele der Samen, die da eines Tages vor Jahrzehnten keimten, wuchsen, sich gegen Konkurrenten durchsetzten, Wind und Wetter trotzten und sich schließlich zu stattlichen Bäumen entwickelten, sind genetisch mehrere Jahrhunderte alt. (Das macht übrigens Urwald aus. Nicht das Alter der Bäume, sondern das Alter des Bodens und dessen Unberührtheit durch den Menschen.)

(Anmerkung: Auf die Idee zu diesem Beitrag brachte mich ein Artikel aus Spektrum. Daraus stammt auch „Waldsterben 2.0“, das ich mir für den Titel ausgeliehen habe. Dieser Beitrag hat mich sehr geärgert, weil es darin – wieder einmal – nur um die wirtschaftliche Nutzung von Wald geht. Also um Forst. Dass Natur andere Aufgaben hat als den Menschen als Rohstoff zu dienen, scheint kein Thema zu sein. Das macht mich fast schon mutlos.)


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