Entwicklungstipp: Der Kopfstand

Wenn Sie Ihre Fotos von der Kamera entwickeln lassen, also nicht in RAW, sondern in JPEG fotografieren, ist dieser Beitrag für Sie möglicherweise weniger interessant. Aber vielleicht regt er Sie ja dazu an, das mit dem Entwickeln mal selbst in die Hand zu nehmen und nicht zu akzeptieren, was ein Gerät Ihnen aufoktroyiert, das nicht wissen kann, wie die Lichtstimmung wirklich war? Das gilt übrigens auch für moderne Smartphones, die fast alle mit der richtigen App RAW aufnehmen können. Die Entwicklungs-App meiner Wahl für meine iPhoneografien ist seit Jahren Snapseed (iOS oder Android).

Warum ich militante RAW-Verfechterin bin? Das hat viele Gründe, der Wichtigste ist: In der Regel vergeigen Kameras alles, was mit Sonnenauf- und -untergängen zu tun hat. Da stimmt dann weder die Sättigung noch Höhen und Tiefen. Was entsteht, ist knallorange-schwarze Farbmatsche. Aber das könnte ein eigener Beitrag werden. Nun zurück zum Thema.

Die Kamera hätte das zarte Pastell in sattes Orange und tiefes Schwarz verfälscht.

Importieren Sie Ihr RAW also in ein Programm Ihrer Wahl und gehen Sie die üblichen ersten Entwicklungsschritte durch: Bildschnitt und Ausrichtung (!) sowie je nach Objektiv und Brennweite die Korrektur von Verzerrungen und chromatischen Aberrationen. Danach folgen gegebenenfalls die Belichtungskorrektur, die Höhen, Tiefen, Weiß- und Schwarzpunkte, Detailschärfe (jedoch niemals die Gesamtschärfe) und die Dynamik. Ich rühre weder den Kontrast- noch den Sättigungsregler an. Eventuell müssen die Farben mittels Weißabgleich oder individuell im Luminanzbereich korrigiert werden. (Zu HSL schreibe ich demnächst einen eigenen Entwicklungstipp.) Dann sind möglicherweise noch Kleinigkeiten zu entfernen wie Sensorflecken oder andere störende Elemente. Eigentlich ist das Bild nun fertig.

Ein gutes Bild ist wie ein gutes Buch nie fertig

Meine Bilder nicht. Jetzt beginnt für mich die Feinabstimmung, das, was ein Bild interessant macht. Man muss sich klarmachen, dass ein Foto lediglich ein zweidimensionales Abbild einer dreidimensionalen Szenerie ist. Damit, dieses Defizit zu korrigieren, beschäftigen sich Maler seit Jahrhunderten und Fotografen sowie Entwickler seitdem es Fotografie gibt. Der große Ansel Adams hat mehr Zeit damit verbracht, seine Bilder zu planen und im Labor zu bearbeiten als sie letztlich zu machen – und das Fotografieren selbst bedeutete damals einigen Aufwand! Die Rede ist vom Abwedeln und Nachbelichten, neudeutsch dodge&burn genannt. Dieses Malen mit Licht, das Betonen von Hell und Dunkel, das Herausarbeiten von Tiefe liebe ich und wende es bei jedem Foto an. Aber auch dieses Thema behandle ich ein andermal ausführlich.

Ein Kopfstand schafft den erhellenden Perspektivenwechsel

Mein heutiger Geheimtipp lautet, jedes Bild vor dem endgültigen Konvertieren und Speichern um 180 Grad zu drehen, es also auf den Kopf zu stellen. Klingt sonderbar? Lassen Sie mich Ihnen beweisen, dass es funktioniert: Haben Sie gerade ein Foto zur Hand? Irgendeines? Eine Zeitung oder Zeitschrift? Ihr Smartphone? Probieren Sie’s aus, drehen Sie’s um! Sie erleben eine neue Perspektive, eine, die so ungewöhnlich ist, dass Ihnen Disbalancen sofort auffallen. Ich beantworte mit dieser Technik unter anderem Fragen wie: Wird der Blick richtig gelenkt? Ist die Komposition stimmig? Ist das Motiv erfasst? Stören helle oder dunkle Stellen? Fällt ein Foto bei diesem Test durch, lässt es sich mit relativ geringem Aufwand nicht “reparieren”, fliegt es in den Papierkorb.

In Photoshop findet sich unter <Bild> <Bilddrehung> die 180 Grad-Drehung.
Das endgültige Bild nach der Beurteilung “im Kopfstand”.

Übrigens bin ich nicht die Erfinderin dieser Technik. Ist Ihnen im Museum schon mal jemand aufgefallen, der den Kopf schief hält, wenn er ein Bild betrachtet? Jetzt wissen Sie, warum.


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1 Antwort zu “Entwicklungstipp: Der Kopfstand”

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