Die Sache mit dem Wald

Der Wald ist Thema. Das ist gut und schlecht. Wobei: Nein, es ist gut. Schlecht sind nur unqualifizierte Kommentare, Verweigerungen der Akzeptanz von Fakten und das – genau: Waldbaden. Warum? Wie komme ich auf diese These? Wo ich doch eine Verfechterin davon bin, sich Wald anzusehen, ihn zu erleben, um ihn verstehen zu können?!

Vorab zusammengefasst der Stand der Dinge
  • Hier finden Sie die Studie, um die sich alles rankt.
  • Hier veröffentlichte die ETH Zürich die dazugehörige Pressemitteilung.
  • Hier verlinke ich beispielhaft einen Artikel von Spiegel Online, was daraus gemacht wurde.
  • Hier schließlich eine Art Gegenrede, oder besser formuliert: die Faktenlage von Spektrum. Auch sie ist nur eine von einigen.
  • Hier stelle ich Ihnen mein Fotobuch vor, in dem Wald als Ökosystem nicht in trockenen Worten beschrieben, sondern vor allem in einzigartigen Bildern gezeigt wird. (Okay, einige erklärende Texte sind auch drin. Kurze!)

Mein teils subjektiver, teils sachkundiger Senf dazu

Natürlich müssen wir aufforsten, wo immer es geht. Und ja, Wald war und ist immer auch ein Wirtschaftsgut, das wir benötigen. Warum sollten wir Wald auch nicht nutzen? Zumindest Teile davon? Gezielt und mit Sinn und Verstand? Der Waldbesitzer bei mir um die Ecke ist da pragmatisch: Die geraden Stämme gehören ihm, er verkauft sie meist als Bauholz, dessen Nachfrage enorm ist. Der Rest des Baumes (Krone und Äste sowie Wurzel) verbleibt vor Ort, um zu Nahrung für alle zu werden, die im und vom Wald leben. Aufgeforstet wird zwischen dem, was da nun herumliegt. Damit sind die kleinen Bäumchen vor Verbiss, Wind und Erosion geschützt.

Inmitten dieses damit entstandenen Chaos, das nicht wenige Sonntagsaziergänger als unordentlich empfinden und Pilzesammler hassen wie die Pest, weil sie Macheten hierzulande nicht verwenden dürfen, entsteht nicht nur menschengemacht Neues, sondern ganz von allein. Dieses Neue ist wertvoll in jeder Beziehung. Auch wenn wir’s als Unkraut und Gestrüpp verstehen, für die Natur ist es existenzieller Roh- und Energiestoff.

Den Wald zu schützen kann so einfach sein

Der Wald ist beliebt, heute mehr denn je. Ganze Gruppen stiefeln los zum Waldbaden, zum Bushcrafting, zum Naturerlebnisworkshop, zum Querfeldeinwandern. Alles gut, ich habe nichts dagegen, wenn dabei folgendes beachtet wird:

  • Wir Menschen sind im Wald Gäste. Und Gäste benehmen sich angemessen und rücksichtsvoll.
  • Laut sind im Wald nur die Vögel.
  • Es wird nichts weggeworfen. Absolut gar nichts.
  • Kein Feuer. Auch kein klitzekleines Flämmchen, das ein Gaskocher produziert. Auch nicht rauchen. Niemalsnienicht!
  • Will man einen Unterschlupf für die Nacht bauen, a) lässt man sich besser nicht erwischen und b) nimmt ausschließlich Zweige, die man auf dem Boden findet.
  • Wenn Wege verlassen werden, sollte man darauf achten, keine Baumschößlinge zu zertreten. Es handelt sich um Babys, die über die Jahre und Jahrzehnte zu 30 Meter hohen Bäumen heranwachsen und ihren Beitrag zur Rettung unseres Klimas leisten werden. Sie argumentieren, dass die meisten Schößlinge eh von Rehen gefressen werden? Stimmt. Aber Rehe ernähren sich davon, unachtsame Waldläufer zerstören hingegen ohne Not Leben. Aufzupassen, wohin man tritt, sollte nicht zu viel verlangt sein. Hand aufs Herz: Wer von erkennt einen ein paar Wochen alten Baumschößling? Wenn man nicht sicher ist, macht man einen größeren oder kleineren Schritt und alles ist gut.
  • Äste abzubrechen und (vermeintliches) Unkraut auszureißen oder umzuknicken ist Körperverletzung. Auch Bäume leiden und kommunizieren ihre Schmerzen, auch wenn wir Menschen es nicht wahrnehmen. Und sie können an Verletzungen sterben. Das ist nicht nur seit Menschengedenken bekannt, sondern mittlerweile auch wissenschaftlich erwiesen. Das Schnitzen von Herzchen in Baumrinden gehört glücklicherweise weitgehend der Vergangenheit an. Wenn Menschen sich tätowieren lassen wollen, bitte sehr. Bäume wollen es nicht.
  • Ungenießbare Pilze zu zerstören ist so unfassbar dumm, dass ich, wenn ich jemanden im Wald dabei erwische, an mich halten muss, um nicht fuchsteufelswild zu werden. Pilze sind für den Wald existenziell – auch und gerade all jene, die wir Menschen nicht essen können. Ohne Pilze kein Wald. Verschiedenen Lebewesen dienen sie übrigens als Nahrung, das nur am Rande.
  • Holzstapel, Jägerstände, Zäune und andere Bauten sind tabu. Nicht nur weil es gefährlich werden kann, wenn Baumstämme ins Rutschen geraten, sondern auch, weil sie Eigentum des Waldbesitzers oder Jägers sind und ihren Zweck haben.
  • Und so weiter. (Sie verstehen schon.)

Ich fasse zusammen:

Wenn wir den vorhandenen Wald in Ruhe lassen, haben wir schon viel Gutes getan. Jeder Einzelne kann hier seinen Beitrag leisten, dafür braucht es keine Politik, keine Petitionen, keine Finanzmittel, sondern einfach nur Bewusstsein.

Machen Sie doch demnächst ein Fotoprojekt und suchen nach einem Baumschößling. Merken Sie ihn sich und besuchen und fotografieren Sie ihn immer wieder. Dokumentieren Sie, was aus ihm wird, wie er sich entwickelt und von Jahr zu Jahr durchkämpft. Adoptieren Sie ihn, geben Sie ihm einen Namen, bauen Sie eine Beziehung zu ihm auf. Sie werden erleben, wie der Wald, in dem Ihr Baum steht, zu IHREM Wald wird. Erst wenn wir dem Wald Gefühle entgegenbringen, werden wir ihn schützen und um ihn kämpfen.

Wer mich von Twitter kennt, weiß, dass ich mich nur selten zum Klima äußere. Das tun alle anderen. Mein Thema sind Ökosysteme, vor allem Wald. Ohne Ökosysteme kein Klima. Ohne Klima keine Menschen.


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